Schon bevor er gegen Ende der Saison 2022/2023 eine am Boden liegende Mannschaft des EHC Waldkraiburg übernahm, war der Name „Lederer“ im Waldkraiburger Eishockey mehr als nur ein Begriff. Jürgen Lederer, der selbst für die Löwen spielte, Trainer der „Oans Bee“ – der zweiten Mannschaft des EHC war, konnte die Hoffnungen die in ihn gesteckt wurden, sicher erfüllen.
Die vergangene Saison warf bei vielen Fans jedoch Fragen auf, die wir im Interview mit dem frisch verlängerten Headcoach des Eishockey Bayernligisten aufgreifen und stellen.

 

Servus Jürgen, ein paar Wochen sind seit dem Saisonende vergangen: Wie geht es dir heute mit etwas Abstand – überwiegt noch die Enttäuschung oder kannst du schon wieder positiver auf Dinge blicken?

„Servus Alex,
mir geht es mittlerweile ganz gut, vielen Dank.
Ich muss sagen: Eine so brutal intensive Saison – physisch wie auch psychisch – hat auch uns Trainern enorm viel Kraft gekostet. Da muss man erstmal kurz verschnaufen, bevor man direkt wieder mit der Aufarbeitung weitermachen kann. Mit etwas Abstand kann man aber schon sagen, dass die Enttäuschung aufgrund des Saisonverlaufs natürlich überwiegt. So eine Saison, die man am besten als emotionale Achterbahnfahrt beschreiben kann, ist einfach hart.

Trotzdem gab es auch viele positive Dinge: die starke Vorrunde, den besten Spieler der Liga im Kader zu haben, aber vor allem die Treue der Fans. Früher haben wir Playdowns vor 150 Zuschauern gespielt – heute stehen die Leute trotzdem hinter uns. Das macht Hunger auf mehr und zeigt den richtigen Weg, den wir gemeinsam als Eishockeystadt Waldkraiburg gehen wollen.
Deshalb steigen jetzt auch schon wieder Motivation und Vorfreude auf die kommende Saison.“

Viele Fans waren mit dem Ende der Hauptrunde und dem Auftreten danach nicht zufrieden – nicht nur mit den Ergebnissen, sondern auch mit der Art und Weise. Kannst du diese Kritik nachvollziehen?

„Ich glaube, die Enttäuschung und Unzufriedenheit mit dem Ende der Hauptrunde kann man keinem Anhänger absprechen.
Auch die Vereinsführung, wir im Staff und vor allem die Spieler selbst waren mindestens genauso enttäuscht. Jeder wollte unbedingt die Playoffs erreichen. Jeder, der irgendeinen Bezug zu den Löwen hat, weiß genau, dass das auch unser Anspruch ist.“

Ihr hattet den Playoff-Einzug mehrfach selbst in der Hand und habt ihn liegen lassen. Woran ist es aus deiner Sicht konkret gescheitert?

„Ich würde sagen, dass wir bis zwei bis drei Wochen vor Hauptrundenende eine gute Saison gespielt haben. Man darf nicht vergessen, wie sehr die Liga im Vergleich zur Vorsaison aufgerüstet hatte.
Bis dahin haben wir aus unseren Mitteln einen guten Job gemacht. Gerade die beiden entscheidenden Heimspiele gegen Ulm und Dingolfing haben uns am Ende aber das Ziel gekostet.
Dazu kam über die komplette Saison hinweg ein Verletzungspech, wie ich es noch nie erlebt habe. Wir konnten kein einziges Wochenende mit eingespielten Formationen antreten. Viele Spieler sind angeschlagen oder verletzt aufgelaufen, um unser Saisonziel noch zu erreichen.
Anders als in den vergangenen Jahren hat es diesmal immer wieder unsere Leistungsträger mit langwierigen Verletzungen erwischt. Gerade diese Spieler in der wichtigsten Phase nicht bei 100 Prozent zu haben, kann meiner Meinung nach keine Mannschaft der Liga kompensieren.
Wenn du als Trainer irgendwann nicht einmal mehr genug Personal im Training hast, um notwendige Spielvarianten zu trainieren, dann wird es extrem schwierig, gerade enge Spiele in der entscheidenden Saisonphase für sich zu entscheiden.

Insgesamt ist uns das in der Vorsaison eindeutig besser gelungen.“

Hatte die Mannschaft in dieser Phase auch ein mentales Problem – gerade in den Spielen, in denen es drauf ankam?

„Als mentales Problem würde ich das nicht bezeichnen.
Als Mannschaft haben wir uns definitiv in jedem Spiel vorgenommen, trotz aller Probleme die Spiele für uns zu entscheiden. Da ist keiner mit der falschen Einstellung aufs Eis gegangen. Ich würde sogar behaupten, dass viele Mannschaften in unserer Situation in der Abstiegsrunde deutlich höhere Niederlagen kassiert hätten. Gerade dort, als alle unsere Center ausgefallen sind – und das ist für unsere Spielweise eine enorm wichtige Position –, waren wir spielerisch sicher nicht gut. Aber wir haben zu keiner Sekunde aufgegeben oder uns hängen lassen. Fakt ist aber auch, dass gerade der eine oder andere einheimische Spieler phasenweise nicht an die Form der ersten Saisonhälfte oder an die Leistungen der vergangenen Jahre herangekommen ist.
Trotzdem stelle ich mich als Waldkraiburger Trainer ganz klar vor diese Jungs. Die meisten sind Anfang oder Mitte 20 und noch lange nicht in ihrem besten Eishockeyalter. Solche Phasen gehören zum Entwicklungsprozess dazu. Wenn sie daraus ihre Lehren ziehen und wir weiter daran arbeiten, dann werden sie daran wachsen. Ich hoffe auch, dass die Fans das nicht vergessen.
Und genau daran werden wir über den Sommer und in der kommenden Saison arbeiten.“

Du betonst immer wieder, wie wichtig es ist, dass es in der Kabine stimmt. Hat das in der vergangenen Saison durchgehend gepasst?

„Ganz klares Ja.
Natürlich gab es aufgrund der Ergebnisse auch mal Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Mannschaft. Aber genau das zeigt doch auch, dass Leben in der Mannschaft steckt. So etwas braucht jede gute Ehe.“ (lacht)

Der Kader wurde von vielen als stark genug für die Playoffs eingeschätzt. Am Ende steht trotzdem der Gang ins Playdown-Finale. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz?

„Wir waren am Ende ein Tor von den Playoffs entfernt. Trotz aller Umstände haben wir gegen die beste Rückrundenmannschaft in den Pre-Playoffs kein Spiel nach 60 Minuten verloren.
Bis auf Königsbrunn haben wir gegen jede Mannschaft aus dem Halbfinale gewonnen und auch die direkten Vergleiche für uns entschieden. So falsch lagen die Einschätzungen der Experten bis zu diesem Zeitpunkt also nicht.
Danach kam allerdings ein enormer körperlicher Einbruch hinzu.

Und man darf auch nicht vergessen: Wir sind meines Wissens die einzige Liga, in der man trotz Pre-Playoff-Teilnahme noch absteigen kann. Gerade im Amateursport ist das meiner Meinung nach ein absolutes Unding. Unsere Leistungsträger, die vor allem in der Rückrunde unsere Lebensversicherung waren, wurden verletzt oder kamen komplett auf dem Zahnfleisch daher. Zeitweise hatten wir gleichzeitig fünf schwere Kopfverletzungen und fünf absolute Leistungsträger, die ausgefallen sind. In der Serie gegen Burgau mussten diese Spieler erst wieder aufgebaut werden. Gleichzeitig mussten wir als Mannschaft lernen, defensiv wieder einfacher und strukturierter zu spielen. Da ging es dann nur noch ums Überleben und nicht mehr um Schönspielerei. Gegen Pfaffenhofen war ich dann vor allem defensiv deutlich zufriedener. Am Ende haben wir die Serie verdient und ohne große Zweifel gewonnen.“

Wenn man auf die Saison zurückblickt: Was würdest du sagen, ist aus Trainersicht nicht so gelaufen, wie du dir das vorgestellt hast? Gab es Dinge, die du im Nachhinein anders machen würdest?

„Ich finde es als Trainer enorm wichtig, die eigenen Entscheidungen immer wieder selbst zu hinterfragen.
Zumindest versuchen wir im Trainerteam nach jedem Spiel zu analysieren, was man besser hätte machen können – genauso auch im Trainingsalltag. Das gilt nach Siegen genauso wie nach Niederlagen und ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Bestandteile dieses Berufs. Mit etwas Abstand gibt es deshalb natürlich schon einige Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde.“

Wie sehr schmerzen Abgänge wie der von Daniel Hora – auch mit Blick auf die Struktur im Team?

„Spieler wie Daniel gibt es nicht viele in der Liga. Sein Abgang schmerzt natürlich sehr, auch wenn für ihn persönlich vergangene Saison sicher nicht alles so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hatte. Gerade im Spielaufbau und als offensivstarker Verteidiger war er eine echte Waffe. Durch seine Finesse konnte er Gegner enorm unter Druck setzen. Und menschlich wird er uns sowieso fehlen – nicht umsonst war sein Spitzname in der Kabine ‚Papa‘. Aber klar ist auch: Solche Veränderungen schaffen Platz für Neues.
Wir müssen die Abgänge nicht zwangsläufig eins zu eins ersetzen, sondern wollen uns auch dadurch weiterentwickeln. Jetzt gilt es für andere – vielleicht auch jüngere – Spieler, mehr Verantwortung zu übernehmen. Einige wollen diesen nächsten Schritt gehen. Dann müssen sie ihn jetzt auch machen.“

In der entscheidenden Phase kam vergleichsweise wenig Unterstützung von der „Oans Bee“. Hättest du dir da intern mehr gewünscht?

„Dieses Thema zieht sich leider schon länger durch als nur durch die entscheidende Saisonphase. Man hat gesehen, dass in der 1b mindestens drei oder vier Spieler sind, die uns sofort verstärken könnten. Alle Spieler, die bei uns eingesetzt wurden, haben unser Spiel positiv verändert. Dass diese Spieler nicht fest bei uns im Kader sind, dafür hat jeder seine Gründe – und die muss man respektieren. Trotzdem hätte ich mir gerade in der schwierigsten Phase mehr Unterstützung erhofft.
Bis auf zwei oder drei Spieler kommen alle aus dem eigenen Nachwuchs. Und wenn der eigene Verein sprichwörtlich ums Überleben kämpft, dann sollte man versuchen, ihn auch entsprechend zu unterstützen. Als ehemaliger Trainer der Oans Bee freue ich mich natürlich über deren Saisonverlauf. Sicher wollten deshalb auch manche Spieler lieber dort spielen. Trotzdem muss die Oans Bee eine Ausbildungsmannschaft sein, in der sich Spieler entwickeln können, für die der Sprung in die Bayernliga vielleicht noch zu groß ist. Ich denke, dass man als Gesamtverein künftig vielleicht klarere Strukturen schaffen sollte, um den Zusammenhalt noch enger zu gestalten. Wenn sich dieses Jahr der eine oder andere dazu entscheidet, wieder zur ersten Mannschaft zurückzukommen, dann bin ich sicher einer der Ersten, der sich darüber freut.“

Einige Fans hatten das Gefühl, dass sich die Mannschaft im Saisonverlauf nicht konstant weiterentwickelt hat. Wie siehst du das?

„Wie ich vorher schon gesagt habe, waren wir in der ersten Saisonhälfte auf einem sehr guten Weg. Da habe ich definitiv eine positive Entwicklung der Mannschaft gesehen. Das konnte man damals auch anhand vieler Statistiken belegen – etwa im Über- und Unterzahlspiel oder bei den Tor- und Gegentorwerten. Klar ist aber auch, dass diese Entwicklung in der zweiten Saisonhälfte bei einigen Spielern stagniert ist. Daraus müssen speziell diese Jungs ihre Lehren ziehen, mehr Verantwortung übernehmen und dadurch auch Impulse setzen. Dem einen oder anderen ist das in den letzten Spielen schon wieder besser gelungen. Und wir werden als Trainer weiter daran arbeiten, diese Entwicklung wieder in die richtige Richtung zu lenken.“

Mit Blick auf all das: Was ist dein konkreter Plan für die kommende Saison? Wo setzt du die Schwerpunkte?

„Durch die Abgänge wird es sicher zumindest einen kleinen Umbruch innerhalb der Mannschaft geben. Den einen oder anderen Spieler müssen wir dringend mit Qualität ersetzen. Gleichzeitig wollen wir aber auch jungen, hungrigen Spielern den Sprung in die höchste Amateurklasse ermöglichen. Diese Spieler müssen wir jetzt finden und entsprechend auf die Saison vorbereiten.
Nach der intensiven vergangenen Saison war eine Pause für die Spieler erstmal wichtig. Im Moment arbeitet jeder individuell an seiner Grundfitness. Spätestens Ende Mai starten wir dann gemeinsam wieder in die intensive Phase der Vorbereitung. Wir wollen unsere Spiele definitiv wieder über die Athletik gestalten. Auch wenn manche Spieler diese erste Phase als sehr hart empfinden werden: Man hat vergangene Saison schon gesehen, wer im Sommertraining regelmäßig da war – und wer nicht. Wenn wir körperlich entsprechend vorbereitet sind, dann werden wir zusammen mit der fantastischen Unterstützung unserer Fans auch spielerisch wieder bessere Spiele sehen. Wir werden definitiv wieder mit der Einstellung in die Spiele gehen, jedes Spiel unbedingt gewinnen zu wollen.
Wir wollen wieder für Begeisterung sorgen – daran gab es in allen bisherigen Gesprächen keinerlei Zweifel.“

Was dürfen die Fans nächste Saison von deiner Mannschaft erwarten, was vielleicht letztes Jahr gefehlt hat?

„Wir werden mit der richtigen Einstellung in die Spiele gehen und alles dafür tun, unsere Fans glücklich zu machen. Der Verein weiß seine treuen Anhänger enorm zu schätzen. Und auch wir als Mannschaft wissen, dass wir den Zuschauern dieses Jahr etwas zurückgeben wollen. Selbst wenn wir mal ein Spiel verlieren, sollen die Zuschauer trotzdem mit einem positiven Gefühl nach Hause gehen und es kaum erwarten können, beim nächsten Spiel wieder dabei zu sein. Wir wollen ein Event sein, das man in der Region unbedingt besuchen will.“

Du gehst mit dem Vertrauen des Vereins in die neue Saison. Was möchtest du den Fans mitgeben, die zuletzt kritisch waren?

„Zuerst einmal möchte ich mich bei der Vereinsführung für das Vertrauen bedanken. Dass Fans meine Arbeit teilweise kritisch gesehen haben, kann ich aus ihrer Sicht absolut nachvollziehen.
Ich habe immer offen angesprochen, dass wir in den letzten beiden Monaten spielerisch sicherlich keinen Leckerbissen gezeigt haben und am Ende mit einem blauen Auge davongekommen sind. Natürlich bin ich als Trainer dafür verantwortlich. Ich glaube aber auch, dass viele die Gründe dafür nachvollziehen können. Ich werde von der Mannschaft weiterhin den unbedingten Siegeswillen verlangen und das Team entsprechend darauf einstellen. Die Verbindung zwischen Trainerteam und Mannschaft ist definitiv intakt – vielleicht ist sie in dieser schweren Phase sogar noch stärker geworden.

Wir wollen gemeinsam etwas erreichen.“

Wir lieben unsere Sponsoren